Philipp Hanke

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Kolonialgeschichte · 2019

Das Undenkbare

Die Haitianische Revolution, die Teilbarkeit der Aufklärung und Kleists Verlobung in St. Domingo

Mit Anna Heesen

Die Haitianische Revolution steht in der Geschichtsschreibung seit jeher im Schatten der Französischen Revolution und ist doch ein Ereignis von welthistorischem Rang. In einem beispiellosen und über ein Jahrzehnt andauernden Befreiungskampf erhoben sich eine halbe Million versklavter Menschen in Saint-Domingue (dem heutigen Haiti) gegen ihre Unterdrücker und gründeten nach den U.S.A. den zweiten unabhängigen Staat in den Amerikas. Die Haitianische Revolution stellte damit die Prinzipien des Kolonialismus, allen voran das in der westlichen Aufklärung verbreitete Verdikt von allein vernunftbegabten Europäern und dem damit verbundenen Anspruch auf ihre globale Vorherrschaft in Frage.

Die Karibik als Labor der Moderne

In der französischen Kolonie Saint-Domingue trafen die Ansprüche der Proklamation der allgemeinen Menschenrechte von 1789 in Frankreich auf ein Sklaven- und Herrschaftssystem, das auf der Entmenschlichung und Verleugnung jeglicher Menschenrechte beruhte. Die Sklavengesellschaften in der Karibik bildeten den Ort, an dem sich wesentliche Momente, die die moderne, westliche Welt bis heute prägen, herausbildeten. Hier entwickelten sich Praktiken des Kapitalismus und Unterdrückungssysteme des Rassismus und Sexismus in Form des Exotisierens von Schwarzen Frauen. Europäische Kaufleute mussten sich Geld leihen, um an den Küsten Afrikas Menschen kaufen zu können, die sie dann erst später in Wert setzen konnten. Damit entstand ein zeitlicher Unterschied zwischen der Investition des Kapitals und seiner Realisierung als Mehrwert. Saint-Domingue war damals die ertragreichste Kolonie der Zeit. Versklavte Menschen afrikanischer Abstammung waren neben dem Zucker, den sie gebrandmarkt, unter Qualen und Peitschenhieben bis zum Tode produzierten, die profitabelste Ware der Frühen Neuzeit.

Zur Rechtfertigung der in den Kolonien und insbesondere auf den Plantagen ausgebildeten Infrastrukturen der Gewalt und Traumatisierung wurde die Differenz der Oberfläche von weißer und Schwarzer Haut zur Konstruktion europäischer Überlegenheit.

Menschenrechte, gebunden an Eigentum

Deutlich trat hervor: Die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte (Paris 1789) war keineswegs universell, sondern gebunden an Eigentum (also an die Bourgeoisie). Ein umfassender Status des menschlichen Subjektes blieb nur den weißen, besitzenden Männern vorbehalten, den Sklav*innen in den Kolonien wurde der Status des Menschseins abgesprochen. Auch für die Vertreter*innen der Aufklärung galten die aus Afrika verschleppten Sklav*innen als »Wilde« bzw. als nicht vernunftbegabt. Trotz ihres aufgeklärten universellen Freiheitsbegriffs erschien die Haitianische Revolution deshalb den Zeitgenossen der westlichen Welt als absolut undenkbar.

Kleists Schauplatz: der Unabhängigkeitskrieg

Die Umgebung, in der Heinrich von Kleist die Handlung seiner Novelle Die Verlobung in St. Domingo verortet, ist augenscheinlich in der dritten und letzten Phase der Revolution angesiedelt, am Ende des Unabhängigkeitskrieges (1801–1804). Napoleon wollte die Selbstbefreiten wieder in die Sklaverei pressen. Toussaint Louverture (geboren 1743 als Toussaint Bréda) führte den Krieg gegen die französische Invasion an, bis er 1803 in französischer Gefangenschaft einen grausamen Kältetod starb. Aber es kam auch ohne ihn zum Sieg der Selbstbefreiten, zur Unabhängigkeitserklärung, zur Vertreibung der weißen von der Insel und zur Verfassung von 1805.

Kleists Novelle von 1811 vermittelt, dass die Haitianische Revolution in der zeitgenössischen, europäischen Öffentlichkeit wahrgenommen und diskutiert wurde, bevor sie für etwa hundertzwanzig Jahre nahezu verschwiegen wurde und in der Geschichtsschreibung weitgehend in der Bedeutungslosigkeit versank! Bis ins Jahr 1933, als der sozialistische Theoretiker Cyril L. R. James nach London zog und dort ein Theaterstück (!) über Toussaint L'Ouverture schrieb, das im West End uraufgeführt wurde. Ebenfalls in London verfasste er das Werk The Black Jacobins: Toussaint L'Ouverture and the San Domingo Revolution (1938), das zum Standardwerk für die Erforschung der Schwarzen Diaspora wurde.

Kleist, Hegel und das Verschweigen

Heinrich von Kleists Darstellungen stützen sich offensichtlich auf zeitgenössische Berichte, deren rassistische Narrative er reproduzierte und auf eine Art Romeo-und-Julia-Story übertrug. Ob Kleist durch die Blume eben grade auf den Rassismus seiner Zeit aufmerksam machen wollte oder ob er aus Unwissenheit dem allgemeinen Konsens anheimfiel oder ob er es besser hätte wissen müssen – who knows? Bei Hegel wissen wir es, weil es Susan Buck-Morss im Jahr 2000 in ihrem Aufsatz Hegel und Haiti aufdeckte und die für uns daran anschließende relevante Frage nach der Sicherheit unserer aufgeklärten Werte in die Welt setzte. Als regelmäßiger Leser der Wochenzeitschrift »Minerva« war Hegel umfangreich informiert, was in Haiti passiert war, aber er ignorierte, dass eben dort die Teilbarkeit der Aufklärung, auf deren Errungenschaften wir uns bis heute berufen, radikal scheiterte bzw. dessen Unteilbarkeit bewiesen wurde. So verfasste er seine Dialektik von Herrschaft und Knechtschaft bewusst unter dem Verschweigen der historischen Ereignisse von Haiti.

Ein Anfang?

Jenseits der Frage, von welchen Nöten, Unaufgeklärtheiten, Ängsten, Leidenschaften oder Unkenntnissen so mancher Säulenheiliger der Aufklärung in der Vergangenheit befangen war, unternimmt Necati Öziri den Versuch eines Neustarts und eröffnet in seinem Stück eine politisch-reflektierende Ebene, die uns aus den Jahren kurz nach der Erklärung der Menschenrechte von 1789 heraus zwangsläufig in unsere heutige Zeit führt. Eine gegenwärtige Reflexion über Rassismus, Flucht, Gewalt und Gegengewalt wird in Gang gesetzt. Sein Stück endet nicht mit einer abschließenden Erkenntnis, es formuliert nicht eine einzig gültige historische Wahrheit. Es endet mit seinem Zugriff auf die Verfassung Haitis, die sich als ein Beitrag zu einer zeitgenössischen emanzipatorischen Utopie diskutieren lässt. Ein Anfang?