Philipp Hanke

← Alle Texte

Erinnerungskulturen · 2014

Graben am Rand der Geschichte

Studierende des Historischen Seminars erinnern an »Verlorene Denker«

Mit Volker Kehl

128 Menschen – Akademiker und Intellektuelle – wurden zwischen 1933 und 1945 von der Universität Frankfurt entlassen. Das waren etwa 36 Prozent des Lehrkörpers. Als angehende Historiker in der Übung »Verlorene Denker – Die Vertreibung jüdischer Professoren an der Goethe-Universität« mit dieser Zahl konfrontiert wurden, waren sie bestürzt und verunsichert. Wie sollten sie mit den vielen Schicksalen umgehen?

Adorno, Kantorowicz, Oppenheimer – das waren Namen, die wir kannten. Diese erfolgreichen Forscher sind im Erinnerungsdiskurs verankert und genießen Anerkennung. Aber sind sie wirklich verloren? Für die Wissenschaft jedenfalls nicht, wie der Blick auf ihre Produktivität während des Exils zeigt. Der Historiker Reinhart Koselleck geht so weit, wegweisende Paradigmenwechsel und Forschungsgewinne auf gewandelte Erfahrungen im Exil zurückzuführen. Diese wissenschaftliche Perspektive überraschte uns und ließ unseren Blick zu denjenigen wandern, deren Namen uns unbekannt waren. Es erschien uns interessanter, ja vielleicht sogar wichtiger, die Geschichte dieser verlorenen Denker zu erzählen.

Gezielt suchten wir unter der Leitung von Hans Sarkowicz und Torben Giese nach denjenigen, die nach ihrer Entlassung nicht mehr wissenschaftlich wirken konnten, die an dieser neuen Situation scheiterten und vielleicht sogar Selbstmord begingen, die eventuell durch die Nationalsozialisten verfolgt oder gar ermordet wurden. Wir wollten es wagen, am Rand der bekannten Geschichte nach Personen zu graben, die nach 1945 aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit weitgehend verschwunden sind, um so wenigstens ein paar der »verlorenen Denker« an die Oberfläche der kollektiven Erinnerung zu befördern.

Wen aber auswählen? Wer war ein verlorener Denker unter den mehr als 100 entlassenen Professoren an der Universität Frankfurt? Wir begannen zu recherchieren, suchten im Internet, forschten in Archiven nach Nachlässen, prüften, ob es vielleicht doch Veröffentlichungen gab. Nicht immer wurden wir fündig, aber wir stießen auf Spuren. Das machte Hoffnung. So legten wir letztlich fünf »Verlorene Denker« fest, die wir in einem Hörfunk-Feature gemeinsam mit dem Sender hr2-Kultur der Öffentlichkeit vorgestellt haben: den Astrophysiker Karl Meissner, den Mathematiker Paul Eppstein, den Psychiater Raphael Weichbrodt, den Maler und Kunsttheoretiker Hermann Lismann und den Chemiker Edmund Speyer.

Hermann Lismann – ein Künstler aus dem Depot

Zum Leben des Malers Hermann Lismann fanden wir sehr unterschiedliche Quellen. Im Universitätsarchiv: die Personalakte sowie sein Entlassungsgesuch aus dem Jahr 1935. Das Archiv der Stadt Frankfurt verwahrt den Nachlass: zwei Kästen voll kunstphilosophischer Reflexionen und persönlicher Aufzeichnungen. In der Universitätsbibliothek: Kataloge zu den Ausstellungen seiner Bilder nach dem Krieg. Im Archiv des Städels: Listen aus der Zwischenkriegszeit über zerstörte oder verschollene Bilder. Korrespondenzen seiner Nachfahren mit der Stadt Frankfurt und dem Städel. Im Depot des Museums unter unzähligen anderen Bildern: Stillleben, datiert auf das Jahr 1929. Schon die Anzahl der Quellen und die Orte, an denen sie liegen, machen deutlich: Bei Lismann handelt es sich um eine Persönlichkeit, die sich der Einordnung in eine Kategorie entzieht. Sein Leben ist so vielfältig wie die Zeugnisse, die von ihm geblieben sind.

Geboren am 4. Mai 1878 als Sohn eines jüdischen Walzwerkbesitzers in München, sollte Hermann Lismann eigentlich den väterlichen Betrieb übernehmen. Doch der Beruf des Kaufmanns lag ihm nicht; lieber nutzte er die Rechnungsbücher zur künstlerischen Betätigung. Er studierte Philosophie und Kunstgeschichte in Lausanne und Malerei in München bei Franz von Stuck, der auch Wassily Kandinsky und Paul Klee unterrichtete.

1904 ging der junge Künstler nach Paris, war ein Anhänger Paul Cézannes und verkehrte am Montparnasse im Café du Dôme, einem Treffpunkt der Boheme. Mit der »Bande Picassos« auf der gegenüberliegenden Straßenseite wollte er nichts zu tun haben. Er gehörte nicht zu denen, die mit den Traditionen brechen wollten. Eher sah er sich in der Nachfolge der Impressionisten. Statt auf Revolution setzte er auf Evolution. In seinem Nachlass schreibt er, Kunst solle »die Fäden der vorhandenen Kulturen anspinnen zu einem neuen Gewebe«. Lismann malte vor allem Landschaften und Porträts. Seine Bilder verkauften sich gut.

In Paris heiratete er Maria. Mit ihr hatte er eine Tochter und einen Sohn. Im Frühjahr des Jahres 1914 zog die junge Familie nach Frankfurt. Über seine Vettern – zwei Bankiers – fand der Künstler Zugang zu den bildungsbürgerlichen Kreisen der Stadt. Doch dann brach der Krieg aus und Lismann musste an die Ostfront. 1917 wurde er verwundet. Er kehrte zurück nach Frankfurt, wo er mit seinen Vettern die Kriegsfürsorge des Roten Kreuzes übernahm.

Schöne Kunst gegen das Trauma des Krieges

Der Krieg bedeutete für Lismann einen tiefen Einschnitt. In seinem 1920 erschienenen Buch »Wege zur Kunst« nimmt er darauf Bezug. Dort schreibt er, die »Ideale des wilhelminischen Zeitalters« seien ihm entfremdet und es käme nun darauf an, dass die »Idee des reinen Menschentums auch in der Malerei ihren Ausdruck finde«. Dies ist wohl kaum als ein politisch-ästhetisches Programm zu sehen, das ein gesellschaftliches Engagement der Kunst fordert. Es klingt eher wie eine Rechtfertigung für das eigene künstlerische Dasein und zeigt ein ausgeprägtes Harmonie-Bedürfnis als Reaktion auf das Trauma des Krieges. Das Zeugnis eines zwar humanistisch inspirierten, im Grunde jedoch unpolitischen Kunst- und Bildungsgläubigen der Weimarer Zeit. Lismann ist ein Kulturkonservativer, der versuchte, gerade wegen des Bruchs in seiner Weltanschauung an der schönen Kunst festzuhalten. Dem zeitgenössischen Kunstbetrieb der Avantgarde stand er skeptisch gegenüber.

In Frankfurt gründete Lismann eine eigene Malschule, die aber 1929 wieder schließen musste. Im Jahr der Wirtschaftskrise unterstützte ihn die Frankfurter Künstlerhilfe und er begann an der Frankfurter Universität Vorlesungen über Ästhetik zu halten. 1933 musste er sein Atelier aufgeben, blieb aber als Soldat des Ersten Weltkriegs zunächst von der Entlassung verschont. 1935 kam er dieser zuvor, indem er sich von seinem Lehrauftrag entbinden ließ. Von da an gab er in Kooperation mit der jüdischen Gemeinde Zeichenkurse, die junge Menschen auf die Emigration vorbereiten wollten. 1938 folgte er seiner Tochter nach Frankreich. Über Paris, wo er keine Aufenthaltserlaubnis erhielt, floh er weiter nach Süden. In Tours hatte er Freunde, die ihn unterstützten. Dort konnte er in den nächsten zwei Jahren ausstellen. Außerdem spielte er in einem Symphonieorchester Geige.

Missglückte Flucht

1940, als Hitler Frankreich überfiel, musste Lismann wieder fliehen. Vor den vorrückenden Deutschen floh er in einem Gewaltmarsch von sechs Tagen und Nächten nach Montauban. Der sozialistische Bürgermeister bemühte sich um ein Visum für die Flüchtlinge. Vergeblich. Während es der Tochter Franzi gelang zu entkommen, wurde Hermann Lismann im Jahr 1942 in Tours interniert. Zwei Monate vor seinem 65. Geburtstag wurde er deportiert. Über das Durchgangslager Drancy wurde er am 4. März 1943 in das Vernichtungslager Majdanek gebracht und ermordet.

Nach dem Krieg gab es immer wieder Versuche, an den sensiblen Maler zu erinnern. Auf Bestreben seiner Frau Maria fand 1959 im Karmeliterkloster eine Ausstellung seiner Bilder statt. Es erschienen Zeitungsartikel und ein Begleitband. 1968 und 1979 fanden Gedächtnisausstellungen statt. Kurz flammte das Interesse wieder auf, aber bis heute bleibt Lismann eine Randnotiz. Der Versuch seines Schwiegersohns, Lismanns Nachlass an das Städelmuseum zu verkaufen, scheiterte an der Ablehnung der Direktion.

Heute befindet sich das Bild »Stillleben« im Besitz des Städels. Dort ist es im Depot verwahrt. Nach den Informationen mehrerer Kunstauktionsplattformen im Internet werden seine Kunstwerke immer noch gehandelt.

Edmund Speyer – Erfinder des Schmerzmittels Eukodal

Die Erinnerung an Edmund Speyer lebt in Archiven, in verstaubten Akten. Im Universitätsarchiv finden sich Personalakten. Eintragungen im Melderegister der Stadt Frankfurt. Besonders ergiebig sind die Akten des Darmstädter Chemiekonzerns Merck. Verträge, Forschungsansätze und -ergebnisse sowie die Korrespondenz mit Fritz Merck erlauben es, Edmund Speyers Berufsleben zu rekonstruieren. Im Bundesarchiv findet sich schließlich die Deportationsliste, in der sein Name auftaucht.

Edmund Jakob Speyer wurde am 11. November 1878 in Frankfurt am Main geboren. Er besuchte die Musterschule und studierte in Heidelberg Chemie. 1901 promovierte Speyer an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Anschließend zog es ihn zurück nach Frankfurt, wo er am 11. Mai 1914 eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Chemischen Institut antrat, das zum Physikalischen Verein gehörte und wenige Monate später in die neu gegründete Universität aufgenommen wurde. Ein Jahr später wurde er im Alter von 37 Jahren zum Privatdozenten ernannt.

Professor nur für ein Jahr

Seine Beförderung zum außerordentlichen Professor wurde zunächst abgelehnt. Erst 1932 wurde Edmund Speyer nach einem langwierigen Verfahren berufen. Doch schon ein Jahr später entzogen ihm die Nationalsozialisten wieder die Lehrbefugnis wegen seines jüdischen Glaubens. Im Wintersemester 1933/1934 tauchte zwar sein Name noch im Vorlesungsverzeichnis auf. Doch daneben findet sich der Vermerk »beurlaubt«. In Edmund Speyers Personalakte ist die Begründung in einem Brief mit dem offiziellen Stempel des Preußischen Ministers für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung festgehalten:

»Auf Grund von § 3 des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933 entziehe ich Ihnen hiermit die Lehrbefugnis an der Universität Frankfurt am Main. Berlin, den 2. September 1933 […].«

Mit diesem von den Nationalsozialisten erlassenen Gesetz wurden ab 1933 jüdische und politisch andersdenkende Wissenschaftler ohne Vorwarnung aus dem Universitätsbetrieb entlassen. Nach diesem letzten Eintrag in der Personalakte verliert sich die Spur von Speyer erst einmal.

Beruflicher Erfolg mit Eukodal

Eine weitere Spur ist Oxycodon, ein schmerzstillendes Opiat, das Edmund Speyer 1916 gemeinsam mit seinem Kollegen Martin Freund synthetisiert hatte. Ihre Entdeckung ließen die beiden Chemiker außer in Deutschland auch in Österreich-Ungarn, der Schweiz und den USA patentieren. Im Oktober 1918 verkauften sie die Lizenz an die Firma Merck, die es unter dem Namen Eukodal auf den deutschen Markt brachte. Speyer war mit 10 Prozent an den Gewinnen beteiligt. Die Dokumente legen den Schluss nahe, dass Freund 30 Prozent erhielt. Im Zweiten Weltkrieg war das Schmerzmittel fester Bestandteil der Sanitätsausrüstung der Wehrmacht und der SS. Nur wenige Nationalsozialisten werden gewusst haben, dass ausgerechnet ein von ihnen »entlassener« Wissenschaftler dazu beitrug, ihre Schmerzen zu lindern.

Auch heute ist die Nachfrage nach Oxycodon hoch. So betrug der Umsatz des Medikaments im Jahr 2010 3,5 Milliarden US-Dollar und war unter den meistverkauften Präparaten in den USA an fünfter Stelle. Nur Speyers Name wird den wenigsten Konsumenten bekannt sein. Dabei lässt der vergessene Chemiker bis heute mit seinem Mittel Schmerzen vergessen.

Spurensuche

Indirekte Erwähnungen und abstrakte Zahlen sagen wenig bis nichts über den Verbleib Speyers nach 1934 aus. Einige Hinweise sprechen dafür, dass er in Frankfurt geblieben ist. So berichtet der heute 93-jährige Großcousin Speyers, Herbert Koch, er sei 1934 als Zwölfjähriger im Hause Speyers zu Besuch gewesen. Edmund Jakob Speyer wohnte gemeinsam mit seinem Bruder Saly im Unterweg 20, im Frankfurter Nordend.

Ein weiterer Beleg aus dem Merck-Archiv unterstützt die Vermutung. Am 19. August 1937 schrieb Walter Freund, der Sohn des Geschäftspartners und Miterfinders Martin Freund, an die Firma Merck: »Herr Prof. Dr. Edmund Speyer ist bereit zu einer Aussprache zu ihnen herüber zu kommen, auch nur gemeinsam mit Herrn Dr. Franke, da es sich eben hier nicht um chemische, sondern um kaufmännisch-juristische Fragen handelt, die ihm nicht geläufig sind. (…)« Dieser Brief deutet auf einen Rechtsstreit zwischen den Erben Martin Freunds und der Firma Merck hin. Nach dem frühen Tod des Chemikers im Jahr 1920 strebte dessen Sohn die Einführung von Eukodal in den USA an.

»Für die Zeit vom 1.1.41 ab haben wir – einer Weisung des Finanzamtes Frankfurt/Main, Außenbezirk-Verwertungsstelle, vom 13.1.43 folgend – die gesamten Gewinnanteile, also einschließlich des Anteils von Herrn Professor Dr. Speyer, jeweils in einer Summe an die Deutsche Bank, Filiale Frankfurt/Main, zur Gutschrift auf das Konto des Finanzamtes – Sonderkonto Freund-Erben – überwiesen.« Wäre Edmund Speyer emigriert, hätten die Nationalsozialisten sein Vermögen eingezogen und es wären keine Gewinnanteile ausgezahlt worden.

Während Speyer bereits gesellschaftlicher Ächtung ausgesetzt war, zahlte die Firma Merck weiterhin seine Gewinnanteile auf ein Sonderkonto der Freund-Erben bei der Deutschen Bank ein. Der Wohlstand, den Eukodal ihm verschafft hatte, ließ ihn inmitten grausamer Feindseligkeit ausharren.

Die letzte Spur von Edmund Speyer findet sich in einer Liste aus dem Bundesarchiv. Diese Liste verzeichnet Menschen, die von Frankfurt aus in das Ghetto Łódź deportiert wurden. Die Namen von Edmund und seinem Bruder Saly Speyer tauchen dort unter dem Datum des 19. Oktober 1941 unter 1.125 anderen Namen auf. Am 16. Februar 1942 starb Saly Speyer und knapp drei Monate später, am 5. Mai, Edmund Speyer im Alter von 63 Jahren an Herzversagen im Ghetto Łódź.

Gegen das Vergessen

Mit dem Projekt »Verlorene Denker« wollten wir an diejenigen erinnern, deren Geschichten durch Verfolgung und Deportation in Vergessenheit geraten sind. Hermann Lismanns Gemälde sind heute über die Welt verstreut. Er selbst ist als Künstler und Denker eine Randnotiz geblieben. Edmund Speyers Medikament Eukodal hat bis in unsere Tage überdauert, doch kaum jemand kennt den Erfinder. Wir hoffen, einen Anfang gemacht zu haben, um jenen Vergessenen der Geschichte ihren verdienten Platz in der Erinnerungskultur einzuräumen.